Jean Berchmans Nikoyagize

Audio "Jean Berchmans Nikoyagize" (8:14 min)

Am 18. April 2005 habe ich mein Heimatland Burundi endgültig verlassen aufgrund politischer und ethnischer Probleme.

Jean Berchmans Nikoyagize Ich habe Jean Berchmans Nikoyagize Ende des Jahres 2006 getroffen, im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge in Düsseldorf. Er wirkt verstört. Er ist geflohen, weil er in seiner afrikanischen Heimat aufgrund seiner ethnischen Herkunft keine Zukunft mehr sah. In seiner Heimat Burundi kommt es auf den ethnischen Stempel an, darauf, ob man Hutu ist oder Tutsi? Äußerlich unterscheiden sich beide Volksgruppen nur unwesentlich. Und das machte es für Jean besonders schwierig.

Ich bin eine Mischung aus Hutu und Tutsi. Das erste Mal habe ich Burundi verlassen, weil ich keine Frau finden konnte. Wenn ich ein Tutsi-Mädchen kennen gelernt habe, waren ihre Familien gegen eine Hochzeit, weil ich ein Hutu sei. Und bei den Hutu hieß es wiederum, was willst Du von uns? Du lebst doch bei den Tutsi! Ich war in beiden Volksgruppen unterwegs, aber für beide Seiten war ich ein Außenseiter.

Die Tutsi kommen ursprügnlich aus dem äthiopischen Raum. Sie sind einst in die Seenregion gekommen, weil es dort genügend Wasser für ihre Kühe gibt. Während die Hutu schon im Land gelebt hatten. Als Viehhalter sind die Tutsi reicher und deshalb besser ausgebildet. Doch erst mit der Kolonialisierung begann die ethnische Ausgrenzung auch offiziell. Erst kamen die Deutschen, dann die Belgier. Die Belgier haben die Tutsi an ihrer Macht teilhaben lassen, um die Hutu zu beherrschen. Und sie haben eingeführt, dass in den Ausweisen die Volkszugehörigkeit ausdrücklich vermerkt ist. Damit wurde die ethnische Trennung zementiert.

Meine Mutter ist eine Tutsi und hat auch in eine Tutsi-Familie geheiratet. Doch zum Zeitpunkt der Hochzeit war sie bereits schwanger von einem Hutu, mit dem sie zuvor eine Affäre gehabt hat. Ihr Mann wusste das nicht. Er hat sich nur gewundert über die frühe Geburt. Schließlich kam ich sieben Monate nach der Heirat auf die Welt, also eigentlich zwei Monate zu früh, war aber ein normal entwickelter Säugling, ohne die Anzeichen einer Frühgeburt. Dann wollten ihr Mann und seine Familie natürlich wissen, woher ich komme. Und irgendwie müssen sie von der Affäre meiner Mutter erfahren haben. In Burundi ist es so, wenn eine Frau heiratet, während sie von einem anderen Mann schwanger ist, und dann noch von einem Mann einer anderen Ethnie, dann ist das eine Schande. Deshalb haben sie sie vergiftet. Sie starb, als ich fünf Jahre alt war. Nach dem Tod meiner Mutter wollte der Mann, den ich als mein Vater kannte, mit mir nichts mehr zu tun haben, deshalb bin ich bei meiner Großmutter und meiner Tante aufgewachsen, die wiederum von der katholischen Kirche unterstützt wurden.

Jean hat die Zusammenhänge damals nicht verstanden. Die Wahrheit hat er erst viel später von seiner Tante erfahren. Da studierte er bereits.

Bis ich es erfahren habe, hatte ich eigentlich keine Probleme. Ich lebte in einem Tutsi-Viertel, meine Freunde waren Tutsi, meine Freundinnen auch. Aber eines Tages hat mir meine Tante gesagt: Du bist ein Hutu. Ich erwiderte: Meine Mutter ist Tutsi, mein Vater ist Tutsi, wieso soll ich ein Hutu sein? Du bist verrückt. Und dann hat sie mir erklärt, dass der Vater, den ich kannte, nicht mein biologischer Vater ist.

Jeans WohnungDamit fingen die Probleme an, denn die Geschichte hat sich in seinem Bekanntenkreis schnell herumgesprochen. Jean erzählt, wie er sich in eine Frau verliebt hat, wie beide heiraten wollten und wie dann die Eltern die Hochzeit abgelehnt haben, weil er der Sohn eines Hutu sei. Er erzählt, wie er dann zunächst in den Kongo ging, dort im Diamantengeschäft gearbeitet hat, schließlich zurück kehrte, und eine Stelle im Erziehungsministerium bekam. Immerhin hat er eine gute Ausbildung genossen, spricht mehrere Sprachen. Doch wird ihm bald klar, dass er keine Chance haben würde, sich weiter zu entwickeln. Vor allem aber wird er nun auch politisch aktiv. Er wird Mitglied in einer Partei, die bis dahin ausschließlich die Interessen der Hutu vertritt. Aber er will diese Partei öffnen, über die ethnischen Grenzen hinweg. Schließlich hat er selbst auch Kontakte in beide Volksgruppen: Er lebt noch im Tutsi-Viertel bei seiner Tante, da deren Mann aber ein Hutu ist, verkehrt er auch unter Hutu.

Am 7. April 2005 war ich dann im Tutsi-Bezirk, um über diese Partei zu sprechen. Schließlich gibt es auch viele Tutsi, die keine Vorurteile haben, und umgekehrt gibt es moderate Hutu. Am 7. April also war dieses Treffen. am 8. April erhielt ich abends einen Drohanruf. Eine anonyme Stimme sagte mir, ich hätte die Tutsi verraten: Ich lebe bei den Tutsi, sei aber in einer Hutu-Partei, das ist Verrat, dafür müsste ich sterben. Ich habe mich dann sofort zu meiner Tante begeben, um dort zu schlafen. Am 9. bin ich zurück gekehrt zu meinem Haus. Und als ich dort um Mitternacht ankam, wurde auf mich aus einem Hinterhalt geschossen. Da es aber stockdunkel war, haben sie mich nicht getroffen. Ich bin dann sofort wieder zurück gerannt zu meiner Tante und bin nie wieder in mein Haus zurückgekehrt. Eine Woche später, am 17.April 2005 bin ich ins Flugzeug gestiegen und nach Deutschland gekommen.

Doch auch hier in Deutschland fühlt sich Jean diskriminiert und ausgegrenzt. In seiner Heimat Burundi kam es auf die offizielle ethnische Zugehörigkeit an Stempel an: Hutu oder Tutsi? In Deutschland nimmt jeder zunächst die Hautfarbe wahr: Schwarz. Jean fühlt sich nicht imstande zu beurteilen, ob seine Erfahrungen in Deutschland mit seiner Hautfarbe zu tun haben. Aber willkommen fühlt er sich nicht.


ToiletteIch kann nicht sagen, dass ich hier in Deutschland Rassismus erlebe, aber das Leben ist hart. Im Moment habe ich nur eine Duldung. Ich wohne in einem Heim in einem Zimmer für 7 Personen. Jeder von uns muss 166 Euro zahlen. Es sind zwei solche Zimmer, und wir teilen uns ein Klo. Wir müssen auch soziale Arbeit leisten, wir bekommen dafür aber kein Geld, sondern diese roten Papiere hier. Ich zum Beispiele arbeite in der Kirche, die Kirche hat mir eine Arbeit gegeben. Ich habe auch angefangen deutsch zu lernen. Aber ich darf keinen Deutsch-Unterricht nehmen. Ich darf nicht arbeiten, weil ich keine Arbeitserlaubnis habe. Daher habe ich auch kein Geld, um einen Anwalt zu bezahlen. Mein Anwalt hat deshalb gesagt, er hilft mir nicht mehr, bis ich ihn bezahlen kann. Für einen Monat bekommen wir Bezugsscheine im Wert von 140 Euro. Immer gestückelt in Scheine zu je 15 bzw. 10 Euro. Das heißt, ich kann nicht einfach mal etwas für einen oder fünf Euro einkaufen, sondern muss warten, bis ich mehrere Dinge im Wert von 10 bzw. 15 Euro brauche. Ich finde das fast schon komisch, wenn ich die Universelle Konvention der Menschenrechte lese und das mit meinem Leben hier vergleiche, wo ich kaum irgendwelche Rechte habe. So wie man mit mir umgeht, sagt man mir indirekt „Raus mit Dir!“. Für die Regierung hier bin ich eine Nummer.

Jean zeigt mir den Ausweis mit seiner Duldung. Das Foto wurde bei seiner Einreise gemacht. Gegenüber damals wirkt er heute abgemagert.

Ich habe ein großes Problem. Ich kann nicht mehr schlafen. Ich suche eine Person, mit der ich reden kann. Zum Beispiel jetzt mit dir. (Deutsch) Ich weiß, ich kann heute nacht schlafen, weil ich erzählen konnte und etwas entspannt. Manchmal, wenn ich viele Probleme habe, rede ich viel, und das ist ein bisschen wie ein Trost. Manchmal kann das ein bisschen helfen.