Mennoniten in Rio Verde

Audio "Mennoniten in Rio Verde" (5:35 min)

Beschwerliche Kutschenfahrt auf kilometerlangen Lehmwegen (Quelle: Gaby Weber)Nach Paraguay sind die Mennoniten in verschiedenen Einwanderungswellen gekommen. Da sind einmal die, die nach dem ersten Weltkrieg aus Kanada kamen. Dann kamen in den Dreißiger Jahren vom Stalinismus verfolgte Mennoniten aus der Sowjetunion über Deutschland, und in den sechziger Jahren kamen nochmal Glaubensbrüder, viele auch aus Mexiko. Heute leben etwa 30.000 Mennoniten in Paraguay, die Hälfte im Westteil, im Chaco. Sie sind relativ weltoffen, sprechen mehrere Sprachen, schicken ihre Kinder zum Studieren ins Ausland und einige von ihnen haben inzwischen sogar Ministerposten in Asunción erklommen. Nur noch in wenigen Siedlungen, im Ostteil, lebt man bibeltreu. Zum Beispiel in Rio Verde.

 

Von Asunción aus fahre ich vier Stunden Richtung Norden über eine asphaltierte Landstraße. Am Kilometer 339 soll ich auf eine Tankstelle achten, sie gehöre zur Kolonie „Rio Verde“, wo 3.367 strenggläubige Mennoniten leben. In der Tankstelle gibt es Imbiß und Kaffee für die Durchreisenden und Lebensmittel für die Koloniebewohner. Sogar Motorräder sind im Angebot, mit normalen Gummi-Reifen. Bis vor kurzem waren die in Rio Verde verpönt. Eine junge, blonde Frau, in Tracht und Kniestrümpfen, fegt mit Hingabe den Boden.        

Junge Mennonitin sucht sich in der Tankstelle von Neun Stoff für ihre Heimarbeit aus (Quelle: Gaby Weber)Von der Tankstelle aus geht es neun Kilometer über Lehmwege. Zum Glück hat es nicht geregnet. Ab und zu kommen mir Einspänner entgegen, in denen Frauen mit Hut sitzen. Schließlich lande ich an der Shell-Tankstelle in Dorf Neun, im Laden von David Friesen. Junge Männer in blauer Latzhose verkaufen, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, Lebensmittel und Haushaltsgeräte, Mikrowelle und Werkzeug. Alkoholische Getränke werden nicht feilgeboten, wohl aber Zigaretten. Drei Frauen suchen sich einen Stoff aus. Sie tragen derbes Schuhwerk, Puffärmel und einen Dutt mit Mittelscheitel.

David Friesen hat heute keine Zeit, muss sich um die Geschäfte kümmern. Vor ihm liegt ein Handy, hinter ihm ein Faxgerät. „Computer haben wir noch nicht“, meint er, „aber das wird kommen“. Er vermittelt mich an Cornelius Neudorf Friesen, unten im Dorf.

 

Der 55-Jährige kam 1970 aus Mexiko hierher, wie seine Frau. Sein Vater ist von Kanada aus eingewandert. Wir unterhalten uns auf spanisch mit ein paar Brocken deutsch. Als ich mein Mikrophon auspacke, schüttelt er den Kopf. Kein Tonband, kein Photo. „Radio und Internet brauchen wir nicht“, sagt er. Warum nicht? Nun, man wolle dem Fortschritt immer hinterher hinken. Wenn die anderen schon mit Traktor arbeiten, schaffe man hier mit Pferd und Pflug. Nur Telefon hat er, und natürlich eine große Küche, damit seine Töchter Haushaltsführung lernen. Denn Frauen bleiben im Haus.        

Den früheren Diktator Alfredo Stroessner schätzt er. Es war eine “gute Regierung”, hat auch die Mennoniten geschützt. Heute sind sie Viehdieben hilflos ausgesetzt, denn sie sind strikt pazifistisch, haben keine Waffen, und die Polizei rühre keine Finger.

Grüne Wiesen im Ostteil ParaguaysWas ihre Werte sind? Sie wollen das Evangelium nachleben. Treue, Pünktlichkeit, Ehrfurcht. Sie essen keine Fertiggerichte. Zigaretten verbietet zwar die Bibel, aber trotzdem rauchen viele. Und der Alkoholkonsum ist nur im Übermaß ein Laster. Ihre Landwirtschaft benutzt Dünger und Pestizide und auf ihren Feldern wachsen genmanipulierte Sojapflanzen. Wird nicht im gesamten Department Marihuana angebaut, was den Bauern ein zusätzliches kleines Einkommen beschert? Cornelius nickt. Das passiere hier. Einer von ihnen, der Jakob, habe dies auch getan und eines Tages habe man ihn erschossen auf seinem Feld gefunden. Gottes Strafe. Jeder Bauer hat seinen eigenes Stück Land, die Kooperative habe nie funktioniert. Er selbst besitzt ein Getreidesilo, pflanzt etwas Gemüse und unterhält eine Autowerkstatt.

 

Natürlich haben sie eine Schule. Paraguayern wird der Zutritt nicht verboten, aber dort wird nur ein bißchen hochdeutsch gelehrt – gerade soviel, daß man die Bibel lesen kann, und ansonsten ist der Unterricht in Plattdeutsch, einem Plattdeutsch des 16. Jahrhunderts. Warum den Kindern kein spanisch beigebracht wird und die Landessprache Guarani? „Eigentlich schade“, meint Cornelius, „aber deshalb haben die ja im Chaco ein Problem“. Er meint damit, daß die jungen Mennoniten des Chacos sich in der ganzen Welt bewegen können und dies auch tun, während die Kinder von Rio Verde nur eine Sprache sprechen, die nur noch von 30.000 Mennoniten in Paraguay verstanden wird. So sind sie, ob sie das wollen oder nicht, an diesen Ort festgebunden. Woanders versteht sie niemand.        

Wer aber kein spanisch spricht, könne auch nicht missionieren. Das stimmt, sagt Cornelius, „aber wir sind noch nicht soweit. Das wird noch kommen“. Er ruft seine Frau und seine drei Töchter, die bei ihm zu Hause leben. Die vier anderen sind schon verheiratet und leben in der Kolonie. Wie sich das gehört. Wenn sie einen Nicht-Mennoniten geheiratet hätten? „Das hätte Zwietracht gegeben“, meint er, halb lachend, halb drohend und guckt auf seine Töchter, die sich wie die Orgelpfeifen aufgereiht haben. Alle in Tracht, die blonden Zöpfe hochgesteckt, die Augen gesenkt, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Sie sprechen ausschließlich plattdeutsch, ich kann mit ihnen nicht reden. Aber was ist, wenn die Kinder studieren wollen, Arzt werden wollen? Das geht nicht. „Wer einmal studiert hat, will nicht mehr mit seinen Händen arbeiten“. Paraguayische Ärzte gebe es im Krankenhaus in San Pedro.

Was passiere, wenn eines Tages Beamte aus dem Erziehungsministerium kommen und anordnen, in spanisch zu unterrichten, wie es die Gesetze vorschreiben? „Einige von uns werden wieder fliehen“, so Cornelius. Er wolle dableiben. Wo solle er auch hin?

Gaby Weber