Grenzerfahrung - illegal für eine Nacht

Audio "Grenzerfahrung- illegal für eine Nacht" (5:32 min)

Grenzerfahrung - illegal für eine NachtIn einem Naturpark nahe der Hauptstadt Mexikos bieten Indianer einen ganz speziellen Nervenkitzel: eine Nachtwanderung, die die illegale Einwanderung in die USA simuliert. Man kriecht durch Tunnel, unter Stacheldraht durch, watet hüfttief durch Wasser, oft mit der Sirene der “Border Patrol” im Nacken. Die Indianer wissen, was sie tun; fast alle haben schon mehrmals die reale Grenze überwunden.

„Rapido, schnell“ - das wird Jesús noch oft rufen in dieser Nacht. Schon in den den ersten Minuten macht der Schlepper uns klar: so ein illegaler Grenzübertritt ist kein Spaziergang für verweichlichte Großstädter, auch in der Simulation nicht.

„Los los, bewegt euch.” Wir, die Illegalen für eine Nacht, werden auf Trab gehalten, hetzen glitschige Abhänge runter, kriechen unter Zäunen durch, waten durch knietiefe Kanäle, suchen Deckung im Gestrüpp oder flach im Matsch liegend.
„Geht nicht durch den Fluß, denkt dran, die Familie wartet auf euch“, werden wir gewarnt. Zu Recht, etwa 500 Menschen sterben Jahr für Jahr bei dem Versuch, die Grenze gen Norden zu überwinden Sie ertrinken im Rio Grande, verdursten in der Wüste Arizonas, werden ermordet oder hilflos zurückgelassen.

Grenzerfahrung - illegal für eine NachtUnsere Grenzerfahrung wird immer beklemmender. Die Sirene der Border Patrol geht auf die Nerven, der Verfolgungsdruck nimmt zu. Wie schlecht muss es den Migranten zu hause gehen, die das für einen lausigen 5-Dollar-Job auf sich nehmen. Dabei ihr Leben riskieren, und nicht nur eine Erkältung wie wir. Unsere Teilnehmerkarte kostete 12 Euro, die Ärmsten der Armen müssen den Koyoten, den Schleppern, das hundertfache hinblättern: 1.200 Euro. Aber ohne Orts- und Grenzpolizei-Kundige hätte man keine Chance, das wird uns in dieser Nacht deutlich vor Augen geführt - Festnahme inklusive.

So enden jährlich zehntausende Versuche, rüberzukommen. Aber: eine halbe Million Mexikaner und Mittelamerikaner kommen durch, Jahr für Jahr. Jesús, unser maskierter Schlepper, ist selbst mehrmals in den Norden gegangen - wie die meisten seiner Stammesbrüder. 90% der Hñahñu-Indianer arbeiteten mindestens einmal in den USA. Jetzt schaffen sie sich mit dem Naturpark Eco-Alberto und dem fiktiven Grenzgang eine Alternative. Immerhin 70 Personen machen diese Nachtarbeit.

Es kamen mal Antropologen und sagten, Mensch, ihr seid doch harte Typen, ein tausendjähriges Volk, habt die Unterdrückung durch die Azteken ausgehalten. Und wir merkten, ja, wir sind sehr stur und hartnäckig, können unter schlimmsten Bedingungen überleben, können 20 Stunden am Tag arbeiten. Und dann verpflichteten wir uns, alle acht Jahre 12 Monate lang ohne Bezahlung für die Gemeinschaft zu arbeiten. Vorher waren wir ziemlich schlaff, lethargisch, aber jetzt sehen wir, dass man arbeiten und sich organisieren muss, zu seinem Wort stehen.


Deshalb kehren sie immer wieder heim nach El Alberto, in dem auffällig viel gebaut wird: Dollar-Häuschen. Dabei ist es ruhig im Ort, noch arbeiten zwei Drittel der 2.200 Hñahñus in den USA, Tendenz abnehmend.Eine Gruppe Teenager ist mit uns unterwegs in dieser Regennacht, ihre anfängliche Klassenfahrt-Stimmung ist schnell in Erregung und Nachdenklichkeit umgeschlagen. Vor einer Hängebrücke, die wackelig den Gang über den Fluß in die USA symbolisiert, bleibt der 15-jährige Byron Cruz unvermittelt stehen. „Ich gehe nicht rüber, murmelt er, lieber mache ich hier in Mexiko einen guten Schulabschluss.”

Ich bin Mexikaner und stolz darauf. Ich möchte es in meinem Land zu etwas bringen. Hätte ich eine Familie ich würde sie nie verlassen, ich würde nie meine Kinder alleine zurücklassen.

Und als er dann seine Geschichte erzählt, wird klar, warum er so ernsthaft ist. Die brutale Realität bricht in unsere Simulation hinein. Als Byron 9 Jahre alt war, ging seine Mutter in die USA, seitdem haben er und seine drei Schwestern nichts mehr von ihr gesehen aus den Dollars, die sie monatlich schickt. Ein Jahr später, 2002, war auch Byrons Vater eines Tages wortlos verschwunden, illegal überwandt er die Grenze, illegal lebt er noch immer mit seiner Frau in Arizona. Byron wächst bei einer Tante auf.

Grenzerfahrung - illegal für eine NachtAls Kind dachte ich mir “Mensch hier gibt es soviel zu tun, warum musste er rüber”. Aber was sollte ich machen? Jetzt kann ich nur danken, dass Papa mir so eine gute Ausbildung bezahlt.
heute Nacht ist in mir ist so´ne Traurigkeit hochgekommen, obwohl ich gerade mal einen Bruchteil davon erlebt habe, was mein Vater durchgemachte. Und dann sagt ich mir:

Mann, du musst verantwortungsbewußter sein, in der Schule dein Bestes geben“. Meine Kinder sollen nicht so leiden wie ich, ich möchte sehen, wie sie aufwachsen.

Den lebensgefährlichen Weg seines Vaters, illegal über die Grenze, will Byron nicht gehen. Da ist er sich jetzt noch sicherer, nach diesen fünf Stunden in den Bergen der Hñahñu-Indianer.